"Insgesamt sehr planlos"

Zeitgemäßer Schulunterricht kann nur gelingen, wenn die Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereitet werden. Deshalb braucht die Lehrerausbildung eine gezielte Steuerung, die drei Merkmale beachtet: 1) ortsnah,2) Frauen und Männer arbeiten als Lehrerinnen und Lehrer sowie3) ein systematisches Fortbildungsprogramm.Um hierzu aktuelle Informationen zu erhalten, richtete die bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Dr. Claudia Dalbert, zwei Kleine Anfragen an die Landesregierung.

20.12.11 –

Zeitgemäßer Schulunterricht kann nur gelingen, wenn die Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereitet werden. Deshalb braucht die Lehrerausbildung eine gezielte Steuerung, die drei Merkmale beachtet:

1) ortsnah,
2) Frauen und Männer arbeiten als Lehrerinnen und Lehrer sowie
3) ein systematisches Fortbildungsprogramm.

Um hierzu aktuelle Informationen zu erhalten, richtete die bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Dr. Claudia Dalbert, zwei Kleine Anfragen an die Landesregierung.

Ortsnah? "Die Schulen auf dem Land haben schon jetzt in Sachsen-Anhalt Probleme, ihre Stellen zu besetzen. Diese Situation wird in Zukunft noch schlimmer", meint Dalbert angesichts der Antworten, "von insgesamt 554 Referendarinnen und Referendaren arbeiten allein 226 an Schulen in Magdeburg und Halle. Wenn die mit ihrer Ausbildung fertig sind, werden sie wohl kaum in die Altmark oder ins Burgenland wechseln. Hier muss die Landesregierung das Konzept für die Referendarinnen- und Referendarausbildung so aufstellen, dass wir eine stärkere Regionalisierung hinbekommen. Insgesamt wirkt das bisher sehr planlos." Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW, Sachsen-Anhalt), Thomas Lippmann, bezeichnet die Konzentration auf Magdeburg und Halle als ein "hausgemachtes Problem". Wenn die Landesregierung die Ausbildung in zwei Städten konzentriere, müsse sie sich nicht wundern, wenn die Einstellung neuer Lehrkräfte in der Fläche nicht gelinge. "Das hätte schon längst geändert werden müssen. Die GEW fordert schon lange, dass an mindestens fünf Standorten in Sachsen-Anhalt Fortbildungsseminare angeboten werden."

Frauen und Männer als Lehrer? "Die Antworten zeigen leider ein eklatantes Übergewicht an Frauen und das gilt für alle Schulformen. Insgesamt gibt es in Sachsen-Anhalt 554 Referendarinnen und Referendare, davon sind 421 weiblich!", berichtet Dalbert. Angesichts dieser Zahlen müsse die Landesregierung aktiv werden, um den Lehr-Beruf auch wieder für Männer attraktiv zu machen. Auch der GEW-Landesvorsitzende Lippmann richtet diesen Appell an die Landesregierung: "Ein ausgewogenes Geschlechter-Verhältnis ist für das Heranwachsen der Schülerinnen und Schüler wichtig. Leider kann ich bisher keine Ansätze erkennen, dass hier etwas von der Landesregierung unternommen wird. Da gibt es noch nicht einmal eine Reflexion darüber."

Systematisches Fortbildungsprogramm? "Gerade hier sind die Antworten  alarmierend. Ich hatte mir als Antwort ein Art Raster vorgestellt, anhand dessen sich jeder vorstellen kann, welche Angebote es gibt. In der Antwort finde ich Stichworte wie geltende Erlasse, Bedarfserfassung, Organisations- und Kulturwandel, nachhaltige Lernprozesse... Konkrete, inhaltliche Aussagen? Fehlanzeige!", fasst Dalbert die Antworten zusammen.

Dabei werde die Heterogenität - die Unterschiede der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf Alter, Geschlecht, Motivation, psychische Entwicklung, ethnische und soziale Herkunft, emotionale und physische Leistungsfähigkeit - immer größer. Dalbert: "Hierzu bietet das Kultusministerium den Lehrinnen und Lehrern gerade mal acht Fortbildungsreihen an. Hier müssen mehr Angebote auf den Tisch."

Auch zu dem Thema "Soziale Kompetenzen" ist das Angebot an Fortbildungsmaßnahmen dünn. "Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer Ausgrenzung und Mobbing begegnen? Wie können sie ihren Schülerinnen und Schülern Werte vermitteln? Zur soziale Kompetenz gibt es in Sachsen-Anhalt gerade mal sechs Fortbildungsreihen. Das ist erschütternd", urteilt Dalbert. Und bei der Integration von Behinderten (Inklusion) sehe es noch schlimmer aus, "ganze zwei Fortbildungsreihen bietet das Kultusministerium dazu an".

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V., Kurt Edler, stimmt der bündnisgrünen Politikerin zu: "In Deutschland ist die Lehrerfortbildung viel zu wenig an dem Erwerb von sozialen Kompetenzen orientiert und viel zu sehr an der Fachlichkeit." Mit dem ,Landesprogramm für Demokratie, Vielfalt und Weltoffenheit' habe die Landesregierung eine ausbaufähige Basis. Schade sei, dass sie konkrete Details dazu nun schon wieder, diesmal bis Mai, aufgeschoben habe. "Lehrerinnen und Lehrer brauchen Fortbildungsangebote, um auch schwierigen Gesprächssituationen und argumentativen Zuspitzungen gewachsen zu sein. Nur dann können sie junge Menschen stark machen, damit diese die menschenverachtende Gesinnung solcher Ideologien erkennen", so Edler weiter.

> Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte: Kleine Anfrage (vom 11.11.2011) mit Antwort der Landesregierung vom 20.12.2011 Drucksache 6/687

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Bildung | Parlament

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